Von der "gothic novel" zum "Gothic Musical"

gothic (engl.) – Gotik, gotisch
Gotik ist die Bezeichnung für eine Strömung in Architektur und Kunst des Mittelalters.Gotik ist die Bezeichnung für eine Strömung in Architektur und Kunst des Mittelalters.
In späteren Epochen kam es in der Kunst zu einem Rückgriff auf verklärte mittelalterliche Ideale, besonders innerhalb der Literatur. Dabei setzte sich der Begriff „gotisch“ als Kennzeichen für den mittelalterlichen Bezug durch.
Mitte des 18. Jahrhunderts entstand in der englischen Literatur die so genannte „gothic novel“, sie war das Pendant zum deutschen Schauerroman. In diesem neuen Genre wurde erstmals das Gruselige und Unheimliche als Hauptmotiv in die Prosa eingeführt. Im Mittelpunkt solch einer Geschichte steht oft ein Held, der durch dunkle Mächte und geheime Kräfte seinem Schicksal erliegt. Alte Schlösser und Klöster und das historische verklärte Umfeld des Mittelalters wurden oft als Schauplätze gewählt, um für eine passende Stimmung zu sorgen. Die Atmosphäre ist ein grundlegendes Element einer „gothic novel“, um die dunklen Phantasien der Lesenden zu beflügeln. Obwohl das Genre seinen Schwerpunkt in der englischen Literaturszene hatte, beeinflusste es in den folgenden Jahrzehnte viele Schriftstellenden in Großbritannien, Europa und Nordamerika, wie beispielsweise Mary Shelley, Edgar Allen Poe und E.T.A. Hoffmann. Bekannte Romane wie „Frankenstein“, „Dracula“ und „Phantom der Oper“ wären ohne die Einflüsse der „gothic novels“ nicht entstanden und selbst die moderne Horror- und Fantasy-Literatur hat ihre Wurzeln in diesem Genre.
Heutzutage versteht man unter dem Begriff Gothic eine Jugendsubkultur, die sich Ende der 70er Jahre aus der Punk-Bewegung entwickelte. Von Anfang an war das äußere Erscheinungsbild ein wichtiges Mittel des persönlichen Ausdrucks und sehr eng mit der Musik verknüpft. Diese thematisierte unter anderem häufig die Themen Tod und Zerfall und setzte sich mit der Vergänglichkeit der Menschen auseinander.
Bekannte Musikbands wie Siouxsie & The Banshees oder The Cure waren dabei stilgebend für eine große Zahl von Anhängern. Verwandte Genres wie New Wave und New Romantic führten schließlich zu einer Gothic Subkultur, die sich in Europa und Amerika etablierte und den Grundstein für den japanischen „gothic lolita“ Kult legte. Der Begriff Gothic umfasst zum heutigen Zeitpunkt ein wesentlich breiteres musikalisches Spektrum - von Synthie-Pop bis Gothic-Metal - hervorgegangen durch die kreative Weiterentwicklung der ursprünglichen musikalischen Stränge und aus Verschmelzungen mit anderen Musikstilen.
“Rappacinis Tochter” – ein Gothic Musical?
Was genau kann man unter einem Gothic Musical verstehen?
Wie in jedem Musiktheaterstück gibt es auch innerhalb eines Musicals zwei Ebenen: Zum einem die inhaltlich, textliche Ebene und zum zweiten die musikalische Ebene.
Das Werk „Rappacinis Tochter“ basiert auf einer Kurzgeschichte des nordamerikanischen Autors Nathaniel Hawthorne (siehe Artikel Nathaniel Hawthorne). Als literarischer Weggefährte Edgar Allen Poes, schrieb Hawthorne vor allem gruselige, mysteriöse Kurzgeschichten und stand damit in der Nachfolge der englischen „gothic novels“. Die literarische Vorlage zentriert sich auf die Abgründe der menschlichen Seele und die Besessenheit eines Menschen, gottgleich über die Natur zu herrschen – diese Aspekte sind neben der Liebesgeschichte auch das Kernthema des Musicals.
Die dunkle Macht, welche die Liebe gefährdet, wird weder durch Geister noch Dämonen ausgeübt, sondern durch einen Wissenschaftler. Dieser hat seine Kunst scheinbar über alle natürlichen Grenzen hinaus entwickelt und bewegt sich in den Untiefen des Unbegreifbaren und des Übernatürlichen. Damit steht Dr. Rappacini in der Tradition eines Dr. Frankenstein.
Die Beschäftigung mit dunklen Kräften innerhalb eines historischen Umfelds, eine Hauptfigur, die unweigerlich in den Bann dieser Kräfte gelangt, all das sind Kennzeichen einer „gotischen“ Geschichte.