Im Archiv der Universität von Padua befindet sich das Portrait eines jungen Mannes. Un bel giovane, von dessen feinen, fast schon weiblichen Zügen ein besonderer Reiz ausgeht. Der warme, aufgeweckte und heitere Ausdruck in seinen Augen erzählt von seinem Hunger auf das Leben; es hat förmlich den Anschein, als würde sein Herz sprühen und springen. Vermutlich handelt es sich um einen Studenten, intelligent und aus gutem Hause. Um jemanden, der ungeduldig jedem neuen Tag entgegensieht und der noch viel, sehr viel erreichen, bewegen möchte. Auch wirkt der junge Mann etwas abgelenkt, so als hätte er keine Zeit, dem Maler längere Zeit Modell zu stehen.
Es ist das Portrait von Giacomo Rappacini.

Im Besitz der Familie Piranesi aus Sant'Alberto an den Valli di Comacchio befindet sich das Portrait eines Mannes jenseits der 60. Seine verhärmten, kalten Züge machen es schwer, sein Alter einzuschätzen. Ihn umgibt eine Aura gleichgültigen Reichtums, vor allen Dingen aber wirkt er verbittert und enttäuscht. Aus seinen Falten spricht Kummer, in seinen Augen liegt Verdruss. Es hat den An-schein, als habe dieser Mann die Freude nie kennen gelernt, als habe der Groll sein Herz vor langer Zeit versteinern lassen.
Auch dieses Gemälde zeigt Giacomo Rappacini.

Zwischen diesen beiden Portraits liegen etwa 40 Jahre. Was kann einem Menschen in 40 Jahren widerfahren, dass sich sein offenes, zugängliches Wesen zu einem verschlossenen, in sich gekehrten Charakter wandelt?
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